Das Handwerk führt den Konjunkturzug jetzt an

Das Handwerk führt den Konjunkturzug jetzt an

Das rheinische Handwerk macht beim Aufschwung jetzt die Pace. Der Geschäftsklima-Index im Handwerkskammerbezirk Düsseldorf legte im Herbst 2009 gegenüber Frühjahr deutlich um 10 Punkte auf 72 Prozent zu - der stärkste Anstieg des Konjunkturbarometers im gesamten Jahrzehnt. 70 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Geschäftsergebnisse im letzten halben Jahr mit befriedigend oder gut. Noch mehr - 73% - äußern die Erwartung, im Herbst und Winter werde ihre wirtschaftliche Lage mindestens gleichbleiben.

Für die überraschend schnelle und durchgreifende Besserung im beschäftigungsstärksten aller Wirtschaftszweige (54.500 Unternehmen, 302.300 Beschäftigte im Bezirk) machte der Präsident der Kammer, Prof. Wolfgang Schulhoff, bei der Vorstellung des Herbstgutachtens Handwerk am Dienstag in der Landeshauptstadt die Erfolge arbeitsmarktstabilisierender Maßnahmen durch die Regierung (Konjunkturpakete I und II; Ausweitung der Kurzarbeit) sowie die nach den jüngsten Tarifrunden gestärkte Binnenkonjunktur verantwortlich. Die Konjunkturdaten beruhen auf einer repräsentativen Umfrage der Kammer im September unter 8.000 Handwerksunternehmen.

Nicht nur Stimmung, sondern harte Indikatoren verbessert

"Verbessert haben sich gegenüber Frühjahr nicht nur die Stimmung, sondern auch harte Zahlen", präzisierte Schulhoff das Lagebild. Während im Frühjahr 6 von 10 befragten Unternehmen sinkende Umsätze und Auftragsbestände angegeben hatten, ging dieser Anteil im Herbst auf 42 Prozent zurück. Statt (wie vor sechs Monaten prognostiziert) 51 Prozent der Unternehmen fuhren nur 37 Prozent ihre investiven Ausgaben zurück. 14 Prozent der Firmen stellte zusätzliches Personal ein (Frühjahr: 6 Prozent). Praktisch unverändert wie im Herbst 2008 und Frühjahr 2009 sind die Betriebe im Schnitt zu rund 80 Prozent ausgelastet und noch für 6 Wochen mit Aufträgen versorgt.

Beschäftigungsabbau gestoppt, Investitionsrückgang noch nicht

Die Belebung der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen des Handwerks führte allerdings bislang noch nicht zu einer Steigerung der betrieblichen Investitionstätigkeit. Mehr als jedes dritte Unternehmen (37 Prozent) verschob bzw. kürzte seine Aufwendungen. "Vordringlicher war, in Personal zu investieren, um die kurzfristig gestiegene Nachfrage zu bedienen", begründete Schulhoff die Zurückhaltung bei den Ausgaben für Maschinen, Gebäude und Fuhrpark.

Der Beschäftigungsrückgang des letzten Winters scheint damit vorerst gestoppt. Jedes siebte Unternehmen hat im letzten halben Jahr mehr Mitarbeiter eingestellt als abgebaut. Das Gros der befragten Firmen (68 Prozent) hielt seinen Personalbestand. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren bleibt das Angebot an offenen Stellen (aktuell 3.670; Herbst 08: 5.100; Herbst 07: 7.500) allerdings noch zurück. "Viele Betriebe haben auf die Belebung der Nachfrage zunächst mit der Einstellung von Zeitarbeits- und Hilfskräften oder durch Ausleihe von Personal gesetzt. Mit Festanstellungen wird gewartet, bis sich der Konjunkturaufschwung stabilisiert", konkretisierte Schulhoff die Angaben der Betriebsinhaber.

Die Schrittmacher der konjunkturellen Erholung im Handwerk sind das Baugewerbe und der Ausbausektor.

Gebäudenahe Handwerke an der Spitze des Aufschwungs

Das Branchenklima im Bauhauptgewerbe erreicht aktuell 74 Prozent - 8 Punkte mehr als im Frühjahr. Harte Fakten stützen den Auftrieb: Die Auslastung der Bauunternehmen liegt deutlich über der wichtigen 80-Prozent-Marge; die Auftragsreichweite beträgt knapp acht Wochen. Jedes siebte Bauunternehmen hat mehr in Anlagen und Gerät investiert. Die Aufwendungen liegen mit rund 40.000 € je investierendes Unternehmen doppelt so hoch wie im Schnitt aller Branchengruppen des Handwerks.

Noch besser hat sich die Lage im Ausbaugewerbe (u.a. Sanitär, Heizung Klima, Maler/Lackierer) entwickelt, mit einem Klimaindex von 77 Prozent derzeit die Zugmaschine der Handwerkskonjunktur. Erstmals seit 18 Jahren beantworteten mehr Unternehmen in den gebäudenahen Branchen die Frage nach der geschäftlichen Situation mit "gut" (27 Prozent) als mit "schlecht" (24 Prozent). Die Mehrheit - jede zweite Ausbaufirma – meldete einen befriedigenden Geschäftverlauf. "Insbesondere die zusätzlichen Mittel aus dem Konjunkturpaket II kommen mittlerweile im örtlichen Handwerk an", betonte Schulhoff.

Die Gesundheitshandwerke (Index: 75 Prozent) und die Branchen für den gehobenen Bedarf (u.a. Uhrmacher, Goldschmiede, Maßschneider; 68 Prozent) profitierten von den verbesserten Einkommen in den nicht von Arbeitslosigkeit betroffenen Haushalten. Auch in den Lebensmittelhandwerken hatten weniger Betriebe als sonst - 39 % der befragten Bäcker, Konditoren und Fleischer - unter den saisonüblichen Nachfragerückgängen zu leiden (Branchenklima: 64 Prozent, wie Frühjahr).

Mit verbreiteten Umsatzeinbussen hatten dagegen die für den gewerblichen Bedarf liefernden Betriebe und das Kfz-Handwerk zu kämpfen. Während ein Teil der Kfz-Handelsbetriebe von der Abwrackprämie begünstigt wurde, brach der Raparaturumsatz mit älteren Kleinwagen in zahlreichen Werkstattbetrieben regelrecht ein. Im Kraftfahrzeuggewerbe meldeten 58 Prozent der befragten Firmen eine rückläufige Nachfrage; unter den von der dramatischen Export-Baisse stark betroffenen handwerklichen Zulieferunternehmen gar 59 Prozent.

Regionen holen unterschiedlich stark auf

Merkliche Unterschiede im Ausmaß der Erholung lassen sich zwischen den vier Teilräumen des Handwerkskammerbezirks ausmachen. Während die Region Ruhr-West mit dem angrenzenden Kreis Wesel binnen sechs Monaten um satte 13 Punkte aufholte (Klimaindex nun 74 Prozent), blieb das in seinem Strukturwandel stagnierende Bergische Land mit aktuell 65 Prozent erneut deutlich unter dem Durchschnittswert von 72 Prozent hängen. Dazwischen rangieren die Regionen Linker Niederhein (73 Prozent) und der Großraum Düsseldorf (71 Prozent).
"Die Initiativen der Landesregierung zugunsten einer Stärkung der Ruhrwirtschaft beginnen sich auszuzahlen", kommentierte Schulhoff und verwies auf die Förderung von Betriebsübergaben, des Marktzutritts von KMU in zukunftsträchtigen Tätigkeitsfeldern wie der Medizintechnik sowie die Förderung der Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit von Mittelstand und Hochschulen speziell in dieser Region.
Schulhoff mahnte "nunmehr vergleichbare, besondere Anstrengungen für die bergischen Großstädte" an.

Konjunkturstütze Handwerk verlangt nach dauerhafter Entlastung

"Aufs Ganze gesehen hat sich das Handwerk erneut als relativ wetterfester Wirtschaftssektor erwiesen und gerade in den zurückliegenden Krisenmonaten maßgeblich zur Stabilisierung der Wirtschaft im Westen beigetragen," fasste Präsident Schulhoff die Erkenntnisse des Konjunkturgutachtens in einem Resümee zusammen. "Der Aufschwung ist jedoch noch labil."

Um ihm Dauer zu verleihen, müsse die neue Bundesregierung die "Förderung der energetischen Gebäudemodernisierung verstetigen" und "den Mehrwertsteuersatz für lohnintensive Betriebe reduzieren." Ferner mahnte der Kammerpräsident und Präsident des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstags Nachbesserungen bei der Unternehmensteuerreform an. "Die Versteuerung der im Betrieb verbleibenden Gewinne muss auch für Personenunternehmen garantiert bei unter 30 Prozent gedeckelt sein."

"Energischen Rückhalt aus dem Handwerk" versprach Schulhoff der neuen Bundesregierung bei ihrem Vorhaben, die bürokratische Belastung der Unternehmen um 25 Prozent zurückzufahren. Der Handwerkspräsident rief die Berliner Regierungspartner ferner auf, bei der Umsetzung der Verhandlungsergebnisse für den Koalitionsvertrag einen strikt sozialmarktwirtschaftlichen Kurs“ zu steuern. "Es geht um mehr Freiheit für verantwortungsbereite, voll haftende Unternehmer und Manager. Die Aufgabe des Staats liegt in der Organisation eines effektiven Regelwerks, wie es jetzt für Kapitalgeschäfte ohne realwirtschaftliche Grundlage benötigt wird." Schulhoff mahnte insbesondere eine "unabhängige und wirksame Finanzaufsicht" an.

Quelle: Pressestelle HWK Düsseldorf